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Allversöhnung, Auslöschung oder Ewige Hölle - 3 Lehren zur "Ewigkeit" (Teil 5)

Inhaltsverzeichnis:

Es ist erstaunlich, dass frühe Christen mit Unterschieden scheinbar besser klar kamen als Christen heutzutage. Wie sahen die Christen also das Äon? Als ewige Strafe, Auslöschung oder vorübergehender Strafe mit abschließender Versöhnung der ganzen Schöpfung? Wer bestimmte diese Lehren? Starten wir einen Ausflug in die ersten Jahrhunderte nach Jesus, um diese Fragen zu betrachten.

Um die Sprache des NT zu verstehen ist es wohl sinnvoll Personen zu fragen, die in der damaligen Zeit gelebt haben. Damit landen wir bei den frühen christlichen Autoren ab dem 2. Jahrhundert. Wir werden also diejenigen zu Rate ziehen, die mit der griechischen Sprache vertraut waren und die Texte über mehr als fünfhundert Jahre hinweg weitergegeben haben.

1. Frühchristliche Autoren über 'Ewigkeit'

Ab hier folgt also eine Liste von einigen bekannten sogenannten Kirchenvätern und Ihren Aussagen zum Thema Ewigkeit:

1.1. Justin der Märtyrer ~155 n.Chr

"Aber ich sage doch nicht, dass alle Seelen sterben; denn das wäre wirklich ein Glück für die Bösen. Was dann? Die Seelen der Frommen bleiben an einem besseren Ort, während die der Ungerechten und Bösen an einem schlechteren sind und auf die Zeit des Gerichts warten. So sterben einige, die sich als gotteswürdig erwiesen haben, niemals; andere aber werden bestraft, solange Gott will, dass sie existieren und bestraft werden.”
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Justin_der_M%C3%A4rtyrer, Dialog mit dem Juden Tryphon
https://www.logoslibrary.org/justin/trypho/005.html

Seine Aussage impliziert erst einmal keine ewige Dauer.

1.2. Der Hirte von Hermas - 90 bis 150 n.Chr

(griechisch: Ποιμὴν τοῦ Ἑρμᾶ, Poimēn tou Herma; lateinisch: Pastor Hermae), manchmal auch nur "Der Hirte" genannt, ist ein christliches literarisches Werk aus der späten ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts, das von vielen Christen als wertvolles Buch und von einigen frühen Kirchenvätern wie Irenäus als kanonische Schrift angesehen wird. [Der Hirte war bei den Christen im 2., 3. und 4. Jahrhundert sehr beliebt[2] und findet sich im Codex Sinaiticus[3][4].
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Hirte_des_Hermas

"Die Sünder werden verzehrt werden, weil sie gesündigt und nicht bereut haben "9. Wenn etwas "verzehrt" wurde, hat es im Allgemeinen aufgehört zu existieren (im Gegensatz zum brennenden Dornbusch beispielsweise, der "brannte", aber nicht "verzehrt" wurde [Ex 3,2]). In ähnlicher Weise sprach Hermas vom "Tod" als dem Ende der Strafe des Sünders, obwohl einige, so sagte er, vorher mehr Strafe erfahren müssen als andere: "Diejenigen, die Gott nicht kennen und Böses tun, sind zum Tode verurteilt; die aber Gott kennen und seine mächtigen Werke gesehen haben und dennoch im Bösen verharren, werden doppelt gezüchtigt und müssen für immer sterben".10

 Die Sprache des Hermas klingt nach Annihilismus - also wie die eines Menschen, der an zeitweilige Qualen in einer Hölle und anschließende Auslöschung glaubte. Auch hier finden wir keine ewige Dauer.

1.3. Clemens von Alexandria 150-215 n.Chr

Denn alles ist vom Herrn des Universums sowohl im Allgemeinen als auch im Besonderen geordnet, um das Heil des Universums zu erreichen... [Durch die Güte des großen, alles überwachenden Richters zwingen die notwendigen Korrekturen auch diejenigen zur Umkehr, die schon abgestumpft sind.20 
Clement Stromata, VII:2.

So rettet er alle ... die einen aber bekehrt er durch Strafen, die anderen, die ihm aus eigenem Willen und nach der Würdigkeit seiner Ehre folgen, damit sich jedes Knie vor ihm beuge, das himmlische, das irdische und das höllische (Phil 2,10), das heißt Engel, Menschen und Seelen, die vor seinem Kommen aus diesem sterblichen Leben abgewandert sind.
Clement Fragments: Comments on the First Epistle of John

Diese Aussagen klingen nach einer Widerherstellung oder Umkehr aller Menschen.

1.4. Origenes 185-253 n.Chr.

https://de.wikipedia.org/wiki/Origenes

Nachdem er das bereits erwähnte Glaubensbekenntnis der Kirche, einschließlich der aionion-Strafe, dargelegt hat, bemüht sich Origenes die Lehre von der Allversöhnung oder Allwiederherstellung zu beweisen. Origenes verstand "aionios" nicht im Sinne von ewig, sondern im Sinne von auf die kommende Welt bezogen.

Erst nach Ablauf von etwas mehr als drei Jahrhunderten, im Jahr 544, wurde diese Lehre erstmals als häretisch verurteilt und geächtet. Dies geschah nicht auf einem allgemeinen Konzil, sondern auf einem vom Patriarchen Mennas in Konstantinopel auf Befehl Justinians einberufenen lokalen Konzil. Während dieser langen Zeitspanne waren die Ansichten des Origenes und seine verschiedenen Schriften in der gesamten christlichen Welt ein einflussreiches Element. Lange Zeit galt er als die größte Koryphäe der christlichen Welt. Erst von diesem Zeitpunkt an herrschte die Lehre von der künftigen ewigen Bestrafung bis zur  Reformation unangefochten vor.

Nochmal in Kürze: Origenes favourisierte die Allwiederherstellung / Allversöhnung.

1.5. Irenäus 135-200 n.Chr

Irenäus kann glaubhaft von Traditionalisten und Konditionalisten in Anspruch genommen werden (aber anscheinend eher von letzteren), doch als er "Gegen die Häresien" schrieb, zählte Irenäus die universalistische Ansicht, die in den Sibyllinischen Orakeln zu finden war (die von den Christen jener Zeit weithin gelesen wurden), nicht zu den Irrlehren seiner Zeit, und "er erwähnt [den Universalismus] ohne Missbilligung in seiner Beschreibung der Theologie der Karpokratiker. "

Der traditionalistische Historiker Philip Schaff schrieb über Irenäus:

"Im vierten pfaffianischen Fragment, das ihm zugeschrieben wird (Stieren I, 889), sagt er, dass 'Christus am Ende der Zeit kommen wird, um alles Böse zu vernichten ... und alles zu versöhnen ... aus Kol 1:20, damit aller Unreinheit ein Ende gemacht wird'. Diese Stelle, wie auch 1 Kor 15:28 und Kol 1:20, zielt eher auf eine universale Wiederherstellung als auf eine Vernichtung ab.

Also er war eher Traditionalist oder Konditionalist, er verurteilte jedoch nicht den Universalismus.

1.6. Sibellinische Orakel - 150 v.Chr - 300 n.Chr

https://de.wikipedia.org/wiki/Sibyllinisches_Orakel

Die sibyllinischen Orakel lehren das äonische Leiden und die jenseitige universelle Erlösung. Die Prophetin, die sich als Verfasserin der Orakel ausgab, beschreibt, wie die Heiligen Gott um die Rettung der Verdammten bitten. In ihrer Bitte sagt sie: "Gott wird sie aus dem verzehrenden Feuer und dem äonischen Zähneknirschen erlösen."

Hier wird also die Wiederherstellung jenseits des äonischen Zähneknirschens gelehrt. Der Texte lehrte ein begrenztes Äon und die Allwiederherstellung .Allversöhnung

1.7. Evangelium des Nikodemus ~300 n.Chr.

https://de.wikipedia.org/wiki/Nikodemusevangelium

Spätestens im dritten Jh. (die Datierung ist nicht ganz eindeutig) erschien ein Buch, das offensichtlich als Fiktion geschrieben wurde und die damals gängigen Ansichten darlegt, nämlich "Das Evangelium des Nikodemus". Es beschreibt das Wirken Christi im Hades. Im zweiten Teil, Kapitel 8, heißt es, als Jesus in den Hades kam, öffneten sich die Pforten, und Jesus nahm Adam bei der Hand und sagte: "Kommt alle mit mir, die durch den Baum gestorben sind, den er berührt hat; denn siehe, ich richte euch alle auf durch den Baum des Kreuzes."

Dieses Buch zeigt demnach, dass die Christen jener Zeit die äonische Strafe nicht als endlos betrachteten, da diejenigen, die zu diesem Zustand verurteilt wurden, zumindest manchmal freigelassen wurden.

2. Die Entstehung der Idee der 'Ewigen Strafe'

Jetzt schauen wir uns noch kurz ein paar Eckpunkte in der Entwicklung der "Ewigen Strafe" an. Man kann bei alle den Themen natürlich viel tiefer abtauchen - aber die Liste soll als kleiner Einblick dienen.

Athenagoras von Athen (~175 n. Chr.):
Athenagoras glaubte an eine angeborene menschliche Unsterblichkeit, als er den Menschen mit den Tieren verglich und bemerkte, dass Tiere "vergehen und vernichtet werden". Er wurde als erster Verfechter der traditionellen Ansicht von ewiger Strafe bezeichnet.
 
Tertullian von Karthago (~200 n. Chr.):
Als "Vater des lateinischen Christentums" förderte Tertullian stark die Idee der Seelenunsterblichkeit und interpretierte Bibelstellen über das Schicksal der Verlorenen als ewige Qual und Elend.
 
Augustinus von Hippo (354-430 n. Chr.):
Auch wenn Athenagoras und Tertullian bereits die Idee der ewigen Strafe verbreiteten, war es Augustinus, der diese Ansicht in der westlichen Kirche festigte. Er verteidigte diese Idee größtenteils basierend auf der vorausgesetzten Seelenunsterblichkeit, weniger auf detaillierten Bibelinterpretationen. Trotz seiner Position konnte sich Augustinus jedoch nicht dazu durchringen, die Universalisten komplett zu verurteilen.
 
Theologische Schulen (bis zu einigen Jahrhunderten nach Origenes):
  • Nur eine Schule förderte aktiv die Idee der ewigen Strafe.
  • Eine Schule unterstützte die Vernichtung der Gottlosen.
  • Vier Schulen befürworteten verschiedene Formen der universellen Wiederherstellung.

In den ersten vier Jahrhunderten brachten die großen allgemeinen Konzile der Kirche (z.B. Nizza, Konstantinopel, Ephesus, Chalkedon) keine Verurteilung der universellen Wiederherstellung zum Ausdruck, trotz ihrer Dominanz in dieser Zeit.

In den ersten fünf Jahrhunderten der Kirchengeschichte gab es also unterschiedliche Ansichten über das Schicksal der Seele nach dem Tod. Es war keine zentrale Lehre, und theologische Diskussionen wurden geführt, ohne die Vertreter alternativer Ansichten als Häretiker zu verdammen. Es war erst mit dem Aufstieg des römischen Katholizismus und der späteren Dominanz von Augustinus' Ansichten, dass die Idee der ewigen Strafe fest in der westlichen christlichen Tradition verankert wurde.

3. Was bedeutet das Alles?

Dieser Einblick in die Entwicklung von Ideen und die Gedankenwelt von frühen Christen zeigt hoffentlich, dass es auch damals nicht die eine korrekte Erklärung gab. Statt dessen könnten Christen es scheinbar "ertragen" und damit umgehen, dass nicht jeder das gleiche Verständnis biblischer Passagen hatte. Und persönlich finde ich, dass dies eine nachahmenswerte Einstellung ist. Zeigt sich nicht gerade hier Einheit? Also den anderen zu lieben, auch wenn er etwas anders versteht. Ihm zuzugestehen, dass auch er sich die beste Mühe gibt Gott zu verstehen, zu lieben und da richtige zu tun.

Trotz immer mal wieder aufgeheizter Diskussionen über Hölle oder Allversöhnung hoffe ich, dass die Ausführungen dieser Reihe einfach dazu beigetragen haben, das Verständnis füreinander zu fördern - auch wenn wir nicht alle gleich sind.

3.1. QUELLEN & BUCHTIPPS:

Die Ausführungen beziehen sich wieder in großen Teilen auf Forschungen in dem Buch "Aion-aionios" https://amzn.to/3PtT7ok von John Wesley Hanson, welches eine ausführliche Studie der antiken Begriffe anhand der damaligen Literatur, und des Zusammenhangs im Alten und Neuen Testament darstellt.

Außerdem bietet das Buch"All You Want To Know About Hell: Three Christian Views of God's Final Solution to the Problem of Sin" von Steve Gregg ( https://amzn.to/3j9kjNK  ) eine wichtige Grundlage. Das Buch kann ich nur wärmstens empfehlen.