In der zweiten Folge der Reihe "Bibelstudium" erklärt Dr. Heiser, was es wirklich bedeutet, die Bibel „im Kontext“ zu interpretieren - den eigenen ursprünglichen Kontext der Bibel ernst zu nehmen. Der Kontext in welchem die Bibel (NT) entstand, war die Zeitspanne vom 1 bis zum 2. Jahrtausend v. Chr. - und keine gefilterte Sicht durch Glaubensbekenntnisse aus dem 17. und 18. Jahrhundert oder auch der Zeit des frühen Christentums. Jeglicher sonstiger Kontext ist der Bibel fremd, ganz egal wie überzeugend konfessionelle Traditionen sein mögen.

Ein Erforscher der Bibel muss alle fremden Kontexte dem eigentlichen Kontext der Bibel unterstellen, was bedeutet die eigene Weltanschauung durch die des Bibelschreibers zu ersetzen, der in dieser frühen Zeitspanne im antiken Nahen Osten und im östlichen Mittelmeerraum gelebt hat.

Der Weg hierzu ist, in den intellektuellen Output dieser Kulturen einzutauchen, in denen biblische Israeliten und später die hellenistischen Juden lebten, als Gott sie zum Schreiben der Bibel bewegte.

Diese Folge endet mit Tipps, um sich mit der Literatur all dieser Kulturen vertraut zu machen. Sie sind der erste Schritt undbereiten die Bühne für eine sachkundige Diskussion dieses Materials - und damit zur Bereicherung des Bibelstudiums.

Transkript:

Willkommen zurück! In unserer letzten Folge habe ich eine Reihe zum Thema Bibelstudium gestartet. Und das war wirklich noch sehr weit gefasst. Was ich in dieser Episode tun möchte, ist ein bisschen gezielter und gibt Ihnen einen besseren Überblick darüber, wohin sich diese Folgen (speziell die nächsten) thematisch bewegen. Der Titel "Den eigenen Kontext der Bibel ernst nehmen" ist absichtlich so gewählt. Der eigene Kontext  ist wichtig; das wird der Fokus dessen sein, was ich in dieser Episode sagen werde.

Jeder, der mir hier zuhört und sich mit echtem "Bibelstudium" beschäftigt (also etwas, das über das bloße Lesen der Bibel hinausgeht), hat wahrscheinlich den Ratschlag gehört, der ungefähr so ​​lautet: "Sie müssen die Bibel im Kontext interpretieren um sie richtig zu verstehen - um korrekt zu interpretieren und zu wissen, was genau gemeint ist". Das stimmt natürlich, aber die Frage ist, was das genau bedeutet?

1. Art des Kontextes des Bibel

Realität ist, dass es viele verschiedene Kontexte gibt, über die wir sprechen könnten. Wenn Sie sich einen bestimmten Vers ansehen, gibt es einen unmittelbaren Kontext der:

  • vorhergehenden und folgenden Verse
  • oder vielleicht der unmittelbar vorhergehenden und folgenden Absätze
  • natürlich gibt es auch den Kontext des ganzen Bibelbuchs
  • und dann gibt es den Kontext dessen, was der Verfasser des Bibelbuches sonst noch geschrieben hat (sofern bekannt)
  • ein noch größerer Kontext sind Abschnitte der Bibel (z.B. die Weisheitsliteratur).
    Wenn die Bibelpassage in einen solchen größeren Abschnitt fällt, gilt auch dieser Kontext
  • Auf Wortebene existiert der semantische Kontext, also wie das Wort an anderen Stellen in dem Bibelbuch vom Autor verwendet wird. 
  • Es gibt auch einen grammatikalischen Kontext. Wie werden die Wörter in Ihrem Vers in Beziehung zu anderen Wörtern verwendet? Es gibt grammatikalische Zusammenhänge, über die man nachdenken muss - die Originalsprache der Bibel war halt normale menschliche Sprache! Sie hat Grammatik und Regeln, und es gibt Dinge, die Sie grammatikalisch ausdrücken können, und Dinge, die Sie nicht sagen können. Auch das ist eine Art von Kontext.

Von welchem ​​Kontext sprechen wir also? Normalerweise denkt niemand so intensiv darüber nach. Hier braucht es meist einen Professor, um die Gewässer zu trüben, so wie ich das gerade getan habe. Aber - das ist nicht nur Beschäftigungstherapie  - das sind echte Probleme und echte Zusammenhänge. Alle sind verschieden und doch arbeiten theoretisch alle zusammen. Worüber ich aber im weiteren Verlauf dieser Episode und in der nächsten Episoden sprechen werde, ist der Metakontext - das viel größere Bild. Ich möchte Sie in die Denkweise einführen, dass Sie drei Dinge beachten müssen, um die Bibel wirklich richtig zu verstehen. Wir werden mit diesen drei Gedanken beginnen und das wird Ihnen helfen zu verstehen, was ich damit meine, den eigenen Kontext der Bibel ernst zu nehmen.

2. Die Bibelschreiber waren Menschen

Erster Punkt ist, dass auch Bibelschreiber Menschen waren, genau wie du und ich.

Sie sagen: "Naja, das ist sonnenklar. Natürlich sind sie Menschen. Keine Roboter oder so etwas." Ja, das ist offensichtlich, aber wie haben Sie wirklich darüber nachgedacht? Was sind die Implikationen? Lassen Sie mich mal das ein wenig ausweiten, damit Sie wissen, wovon ich spreche.

Zu verstehen, dass die Bibelschreiber Menschen waren wie Sie und ich, beeinflusst unsere Vorstellung, wenn es um das geht, was wir "Inspiration" nennen - und das Produkt der Inspiration: die Bibel. Evangelikale neigen meiner Erfahrung nach dazu, Inspiration als eine Reihe von paranormalen Ereignissen zu sehen:

  • Der Prophet steht morgens auf, fängt an zu frühstücken und dann - zack - entschließt sich Gott plötzlich, ihn zu "zappen", hat eine Vision oder eine Botschaft für ihn
  • der Prophet geht in eine Trance wechselt er in den automatischen Schreibmodus, sein Arm beginnt sich  zu bewegen und auf dem Pergament erscheinen Worte.
  • Und dann später wacht er auf, schaut sich das Ergebnis an und sagt: "Wow, das ist ziemlich abgefahren! Kaum zu glauben, dass ich das kann! Ich bin einfach so dankbar, dass Gott meine Gedanken übernommen und das für mich geschrieben hat."

Nur - das ist ein Mythos. So funktioniert Inspiration nicht. Das ist leicht zu belegen wenn man sich den biblischen Text genau ansieht. Es gibt Hinweise für Bearbeitung. Es gibt drei synoptische Evangelien. Wenn Sie darin einen Dialog zwischen Charakteren lesen (und selbst wenn Jesus einer von ihnen ist), ändert sich der Dialog je nach Evangelium. Als die echten Sprecher etwas sagten (also die Echtzeitereignissen dieses Dialogs) da sagte ein Sprecher nur eine Sache! Sprecher A und Sprecher B sagten nur eine Sache. Sie haben ja nicht ihr Gespräch einstudiert oder wiederholt, damit die Autoren der Evangelien später jeweils andere Wörter verwenden konnten. Das ist Quatsch.

Auch biblische Autoren waren Menschen. Das bedeutet, dass dieser Prozess, den wir Inspiration nennen, und das Produkt (das wir die Bibel nennen) von Menschen stammt, die von Gott benutzt wurden. Die Bibel ist keine Reihe von paranormalen Ereignissen. Ich sag gerne, dass die Bibel kein göttliches Buch ist, sondern ein göttliches menschliches Buch. Behandle sie dementsprechend. Gott benutzte Menschen. Gott traf die Entscheidung, zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte eine bestimmte Person zu wählen, die in einer bestimmten Kultur aufwuchs und eine bestimmte Weltsicht hatte.

Er wählt diese Person in dem Zustand aus, wie sie war und wo sie war. Und was in ihrem Kopf herumschwirrte war das, was sie seit ihrer Geburt kannte. Ihre Weltanschauung. Er nimmt also diese Person und bereitet sie durch Ereignisse im Leben vor. Und zwar auf den Tag an dem er sie durch seinen Geist veranlasst etwas aufzuschreiben.

Und er lässt sie das so tun, weil sie Menschen sind. Das ist, wen Gott benutzt: Menschen. Er übernimmt nicht ihre Gedanken. Er diktiert die Worte nicht. Er lässt sie ihren Job machen, weil er sie für den Job ausgewählt hat. Das sind Gottes Entscheidungen - sie finden in in der Realität statt - mit echten Menschen, was wiederum bedeutet,  dass das Ergebnis dieser Bibelschreiber einen Kontext hat, der dann zum biblischen Kontext wird (weil das, was sie schreiben, nun mal biblisches Material ist).

3. Kontext der Bibel anstelle des eigenen Kontexts

Dies führt zu meinem zweiten Gedanken, nämlich dass der Kontext der Bibel, den wir ernst nehmen sollten, weder Ihr persönlicher Kontext ist noch meiner.

Es ist auch nicht der Kontext großer Denker in der Vergangenheit. Der biblische Kontext ist nicht der Kontext von Augustinus oder Tertullian oder Aquinus oder Martin Luther oder John Calvin oder John Wesley oder Billy Graham, B. B. Warfield, Charles Ryrie, John Walton, C.S. Lewis oder ..... Füllen Sie einfach die Lücke aus! Die biblische Theologie orientiert sich nicht an der Weltanschauung dieser Menschen. Der biblische Kontext ist nicht ihr Kontext.

Alle diese Kontexte (der mittelalterliche Kontext, der Kontext der frühen Kirchenväter, der Kontext der Reformation, der Kontext des modernen Evangelikalismus) sind der Bibel fremd. Sie sind fremd, wenn es um den wirklichen Kontext des Bibelschreibers geht. Und dieser Kontext soll derjenige sein, den wir ernst nehmen. Es soll derjenige sein, der unsere Gedanken leiten soll, wenn wir versuchen, die Bibel zu interpretieren.

Meistens filtern wir die Bibel durch eine konfessionelle Tradition. Wir filtern die Bibel durch ein historisches Glaubensbekenntnis. Die Reformation brachte eine Reihe von Glaubensbekenntnissen hervor. Es ist nicht so, dass Glaubensbekenntnisse schlecht oder hoffnungslos fehlerhaft sind. Der Gedanke ist aber, dass dieses Glaubensbekenntnis und der Kontext, der es hervorgebracht hat, oder auch die Menschen, die es hervorgebracht haben, nicht der eigentliche biblische Kontext sind. Der biblische Kontext unterscheidet sich von all dem.

Wenn Sie also biblischen Kontext betrachten und es ernst meinen, können Sie sie nach keinem dieser anderen Hintergründe filtern. Das ist eine schwierige Aufgabe, denn es bedeutet beispielsweise, die Gedanken eines vormodernen Menschen aus dem ersten Jahrhundert nach Christus zu verstehen - also den Kontext der damaligen Bibelschreiber. Selbst die Ära der frühen Kirchenväter war noch Jahrhunderte entfernt und damit ebenso ein fremder Kontext.

3.1. Denken wie Menschen zur Zeit Jesu

Und wie machen wir das? Wie trainieren wir unseren Verstand, um denken zu können wie ein Mensch, der im zweiten oder ersten Jahrtausend vor Christus lebt? Wie verinnerlichen wir ihr Weltbild? 

Naja, es gibt einen Weg, das zu tun. Zugegeben ist dieser weder perfekt noch vollständig. Er ist nicht ohne Gefahr. Auch hier liegen Gefahren etwas falsch zu verstehen oder anzuwenden. Und trotzdem kannst du das!

Der Weg, dies zu tun, besteht darin, deinen eigenen Verstand zu füllen - mit der Literatur, Weltanschauungen und den Religion antiker Kulturen und Länder des Nahen Ostens (oder des antiken Mittelmeerraums). Also genau mit den Dingen, welche damals in den Köpfen der Bibelschreiber herumschwirrten.

Wir können in großen Teilen auf ihre damalige Literatur zurückgreifen. Dort blieben ihre Ideen erhalten. Gedankliche Vorstellungen werden nicht durch Töpferwaren und Ähnliches erhalten. Sie werden durch das, was die Leute schreiben oder zeichnen, aufbewahrt. Dieser kommunizierte Wert hilft uns in die Denkweise (also in die Köpfe) der Bibelschreiber einzudringen.

Genau das ist der Grund, weshalb wir uns dem literarischen / intellektuellen Schaffen der Kulturen und Zivilisationen des Nahen Ostens ab dem zweiten Jahrtausend v. Chr. bis ins erste Jahrhundert nach Christus aussetzen sollten. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch nennt man das "vergleichende Studien". Vergleichende Studien beziehen sich darauf, wie wir die biblische Literatur im Vergleich zu (und im Einklang mit) den intellektuellen Ergebnissen dieser anderen Kulturen verstehen, die zeitgleich mit den biblischen Schriftstellern existierten. Dies ist also der Weg,  sich dem ursprünglichen biblischen Kontext auszusetzen.

Historisch gesehen würde man wohl denken, das wäre ja wohl logisch und eine Selbstverständlichkeit. War es aber nicht - besonders nicht innerhalb der evangelikalen Nachbarschaft. Es hat eine Zeit gegeben (die sich erst in den letzten Jahrzehnten geändert hat), in der solche vergleichenden Studien kritisch gesehen wurden. Dafür gibt es einige Gründe. In einigen meiner Kurse verwende ich einen Aufsatz des alttestamentlichen Gelehrten John Walton. John ist jemand, den ich kenne. Er ist ein Freund. Ich benutze seinen Aufsatz im ersten Band des Zondervan Illustrated Biblical Backgrounds Commentary. Ich wünsche mir, dass die Leute das lesen, weil es sich um einen Aufsatz über die Vergleichsmethode und vergleichende Studien handelt. Ich werde Ihnen ein bisschen davon vorlesen, damit Sie verstehen, warum es wichtig ist. Aber auch, warum dies innerhalb einer evangelikalen oder konservativen Tradition einfach nicht getan wurde. Menschen dieser Traditionen filterten die Bibel durch den Evangelikalismus oder die Reformation. Walton schreibt:

Vergleichsstudien, zwischen Altem Testament und dem antiken Nahen Osten bewegen sich seit über einem Jahrhundert am Rand von Hermeneutik und Exegese.
[MH: Was er damit meint, ist, dass sie auf Distanz gehalten wurden - also draußen an der Peripherie bleiben.]

Da diese Studien zeitweise von kritischen Gelehrten für polemische Angriffe gegen den biblischen Text ausgenutzt wurden, neigten Evangelikale lange dazu, sie zu vermeiden oder sogar zu verunglimpfen. Sie betrachteten die Idee, dass das AT an altorientalische Ideen oder Literatur anknüpft oder sie adaptiert hätte, als unvereinbar mit der Inspiration der Schrift. Auch wenn Evangelikale in den letzten Jahrzehnten immer mehr Interesse daran haben, diese Goldmine der Vergleichsdaten zu erschließen, wurden die Ergebnisse oft als Randphänomen für die letztendliche theologische Aufgabe angesehen. Der Einfluss der antiken Welt wurde gleichgesetzt mit dem, was Israel ablehnen sollte, als sie Offenbarungen von Gott erhielten. Offenbarungen, welche Ihre Weltsicht von heidnischen Einflüssen rein erhalten würde. Vergleichsstudien dienten lediglich als Hintergrundmaterial für die theologische Interpretation des Textes.

Walton sagt also, dass diese Vergleiche (also das Wissen über die intellektuellen Ergebnisse dieser anderen Zivilisationen) von Bibelkritikern genutzt wurde, um die Bibel als Fälschung oder als eine Art Plagiat erscheinen zu lassen - oder (in einem anderen Sinne) als genauso heidnisch ... Da diese Argumente also von kritischen Gelehrten gegen die Bibel verwendet wurden, neigten Menschen mit einer hohen Achtung vor der Schrift dazu, diese Daten auf Distanz zu halten.

Sie wollten die Vorstellung erhalten, dass Gottes Volk - Israeliten und später das Judentum, geistig und kulturell völlig anders als ihre Nachbarn waren. Wenn man sich Vergleichsmaterial der Zeit ansieht stellt man aber schnell fest, dass dies einfach nicht der Fall ist.

Die neutestamentliche Idee, dass Menschen Gottes "in der Welt, aber nicht Teil von der Welt sind" sind ... Die Bibelschreiber waren nicht von ihrer Kultur getrennt. Sie haben ihre Kultur nicht vermieden, wenn es um Sachen ging wie ... "nun, so schreiben wir einen Vertrag" oder "so reden wir über das, was in der unsichtbaren Welt vor sich geht". "Hier ist was im Jenseits passiert."

Es gibt enorme Überschneidungen, weil sie Vokabular, Ausdrucksformen und Symbole verwendeten, mit denen die Menschen um sie herum vertraut waren. Sie hatten eine gemeinsame altorientalische Kultur. Sie mussten das tun, um zu kommunizieren. Wenn sie völlig fremde Wörter, Ideen und Symbole verwendet hätten, dann hätte das niemand verstanden. Es ist also leicht zu erkennen, dass die biblischen Schriftsteller in hohem Maße ein Produkt ihrer Kultur waren. Sie waren in dieser Welt, aber in einem anderen Sinne waren sie nicht Teil davon. Ihre Theologie war anders.

Je mehr Sie altorientalisches Material verstehen und kennen, umso mehr können Sie sich in diese Weltanschauung zurückversetzen. Und damit werden Sie in vielen Fällen Ideen entdecken, die zwischen der israelitischen Kultur und der altorientalischen Kultur übertragbar sind. Das hilft dann Textpassagen zu verstehen, die wirklich seltsam oder schräg erscheinen.

Auf der anderen Seite, je mehr Sie dieses Zeug kennen, desto besser können Sie auch die Unterschiede erkennen. Diese Unterschiede sind wirklich wichtig, weil sie meistens theologische Aussagen sind. Es sind Erklärungen des Bibelschreibers, die im Endeffekt lauten:

"Sie kennen ja alle diese Ideen, aber hier an dieser Stelle ist unser Gott anders. Her erkennen Sie den Unterscheid zu unserem Glauben!"

Es wurden Sprache und Bilder verwendet, die Menschen damals verstanden. Aber sie wurden teilweise auf subtile Weise geändert oder Gegenstände für etwas anderes genutzt, um dann Jahwe, den Gott Israels zu verherrlichen anstelle von Baal. Bibelschreiber tuen so etwas. Und Sie werden nur dann wissen können, was sie tun und warum sie es tun, wenn Sie gedanklich mit ihnen mithalten. Walton kommentiert das in Anbetracht des neueren Interesses folgendermaßen:

Infolgedessen wurden vergleichende Studien bestenfalls als Bestandteil der historisch-kritischen Analyse und häufiger als Bedrohung für die Einzigartigkeit der biblischen Literatur angesehen. Im Gegensatz dazu nutzen heute immer mehr Bibelforscher die positiven Ergebnisse Vergleichsstudien. Nach einem halben Jahrhundert beharrlicher Forschung durch Assyriologen, Hethitologen, Ägyptologen und Sumerologen sind wir nun in der Lage, den Paradigmen für die Untersuchung der Auswirkungen des antiken Nahen Ostens auf die Autoren der hebräischen Bibel, wichtige Nuancen hinzuzufügen. Das Endergebnis ist ein gründlicheres und umfassenderes Verständnis des Textes.

Ich würde dazu auf jeden Fall "Amen" sagen. Die Realität ist, selbst große Denker wie Augustinus oder Calvin oder Luther oder irgendjemand auf dieser Liste (und mehr) ... Viele von ihnen  hatten einfach keinen Zugang zu dieser Art von Material - also dem Vergleich mit der antiken Kultur. Sie konnten ihren Verstand und ihren Kopf gar nicht in die Weltanschauung der Bibelschreiber einbringen - sie hatten keine Möglichkeit, die Kultur zu erschließen, der die Bibelschreiber ausnahmslos angehörten. Sie hatten es nicht leicht.

Es geht also nicht darum, dass moderne Wissenschaftler schlauer sind als die anderen. Es geht darum, zu welchen Informationen wir Zugang haben. Wir brauchen eine gründliche Auseinandersetzung mit dem Geist und der Weltanschauung des Nahen Ostens, um die Bibel besser interpretieren zu können. Ehrlich gesagt - deutlich besser.

Also wie machen wir das? Wie können wir unser Denken in die Weltsicht der Autoren des Alten Testaments eintauchen lassen? Wie können wir denken wie eine vormoderne Person, die zwischen dem 2. Jahrtausend v. und dem ersten Jahrhundert nach Christus lebte?

Der unmittelbarste Weg (übrigens unmittelbar bedeutet trotzdem Arbeit!) ist, die Literatur der alten Ägypter, der Sumerer, der Akkadier, der Babylonier, der Hethiter, der Phönizier, der Kanaaniter aufzusaugen.... weiter und weiter ... dieses Material zu verinnerlichen. Dafür gibt es zwei Gründe:

  1. Sich der Literatur aussetzen bedeuten sich dem Weltbild aussetzen. Dies geht über Töpfe und Pfannen und Ziegel und Mörtel hinaus - der Art Kultur, die Archäologen uns geben können. (Klar - natürlich gaben uns die Archäologen auch die Texte.) Aber wir müssen uns mit der Literatur und Weltanschauung auseinandersetzen. Wie auch heute zeigt sich, wie die Menschen denken und was sie glauben, durch das, was sie schreiben - durch das, was sie intellektuell produziert haben. Sie hatten zwar keine Filme, Fernsehen oder Internet, aber sie haben Dinge aufgeschrieben. Das Studium der Literatur dieser Kulturen ist das Tor, um über ihre Gedanken nachzuvollziehen und mental in ihre Weltanschauung einzutauchen
  2. Wir müssen die Enthüllung dieses Wissens in den biblischen Text mitnehmen. Dadurch wird die Interpretation der Bibel in zwei Punkten deutlicher. Zum einen kann man seltsame oder abgedrehte Bibelpassagen entschlüsseln. Das erreicht man, indem man auf Ähnlichkeiten achtet - Aussagen und Glaubensansichten altorientalischer Schriftsteller, welche sich mit dem biblischen Material überschneiden. Wir bemerken Ähnlichkeiten, und diese helfen uns zu entziffern, was der Bibelschreiber sagt, weil wir es jetzt mit etwas anderem vergleichen können. Diese Überlappung / Ähnlichkeiten helfen definitiv, die Seltsames zu entschlüsseln.

    Zum anderen - wenn Sie all das wissen (also die antike Welt im Kopf präsent haben), werden Sie Unterschiede erkennen. Wenn Sie mit der typischen Art und Weise, wie ein antiker Heide gedacht hat vertraut sind, dann können Sie theologische Unterschiede und Kostbarkeiten erkennen, die zur Israelitischen Weltsicht des Bibelschreibers gehörten. Das wird dann herausstechen und Sie werden einfach wissen, wann das Bedeutung hat.

Ob und wie macht man das ? Hierfür gibt es zwei Arten von Ressourcen.

  1. Logischerweise die antike Literatur selbst. Heutzutage gibt es richtige von Forschern erstellte Anleitungen - Anleitungen für antike Literatur, die uns mehr oder weniger aufzeigen, welche Art von Literatur zu welchen Kategorien oder Themen gehört und wo Schnittmengen zur Bibel bestehen. Weiteren Zugang erhalten wir auch durch direkte Übersetzungen dieser antiken Texte. Das ist die erste Art von Ressource - der Stoff, der uns zur antiken Literatur selbst führt: Leitfäden und Übersetzungen.
  2. Die zweite Art von Ressource sind Analysen der antiken Literatur und ihrer Anwendung auf das Bibelstudium z.B. durch Fachwörterbücher oder Nachschlagewerke. Ich denke hier an sowas wie das Dictionary of Deities and Demons in the Bible. Das ist voll von vergleichenden Quellen. Es gibt also spezielle Nachschlagewerke. Monographien - Bücher zu bestimmten Themen, die sich auf die Überschneidung der biblischen Welt mit all diesem altorientalische oder mediterranen Material beziehen. Und dann gibt es noch wissenschaftliche Kommentare. Der Verfasser eines guten wissenschaftlichen Kommentars betrachtet bestimmte Passagen in der Bibel, die durch vergleichendes altorientalische Quellen beleuchtet und entschlüsselt werden. Diese Quellen wird er in seinem Kommentar zum biblischen Text untersuchen.

Auf der Webseite zu diesem Pdcast sind  Links zu mehreren Büchern veröffentlicht, die ausgezeichnete Anleitungen zur Hintergrundliteratur der Bibel (beider Testamente) bieten. Beim alten Testament geht es natürlich um Zeug, das von den Ägyptern, Sumerern, Akkadiern, Babyloniern und so weiter geschrieben wurde. 

In der nächsten Folge gibt es weitere Links zum ursprünglichen Kontext des Alten und Neuen Testaments. 

 

Aus der Bibliographie auf www.nakedbiblepodcast.com:

Guides to the Literature of the Biblical Context and Worldview:

Old Testament (informed by the Literature of the Ancient Near East)
John Walton, Ancient Israelite Literature in its Cultural Context
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Victor Matthews, Old Testament Parallels: Laws And Stories from the Ancient Near East
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Kenton Sparks, Ancient Texts for the Study of the Hebrew Bible: A Guide to the Background
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Literature
New Testament (informed by the literature of Second Temple / “Intertestamental”
Judaism)

Larry Helyer, Exploring Jewish Literature of the Second Temple Period: A Guide for New
Testament Students (Christian Classics Bible Studies)
http://www.amazon.com/gp/product/0830826785/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&camp=1789&creative=9325&creativeASIN=0830826785&linkCode=as2&tag=michsheiscom-20

Craig Evans, Ancient Texts for New Testament Studies: A Guide to the Background Literature
http://www.amazon.com/gp/product/1565634098/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&camp=1789&creative=9325&creativeASIN=1565634098&linkCode=as2&tag=michsheiscom-20

D. deSilva, Introducing the Apocrypha: Message, Context, and Significance
http://www.amazon.com/gp/product/0801031036/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&camp=1789&creative=9325&creativeASIN=0801031036&linkCode=as2&tag=michsheiscom-20