NEQqsiVMb_M

In Teil 1 dieser Reihe wurde gezeigt, dass bei Zeugen Jehovas nur die "leitende Körperschaft" die Bibel auslegen darf. Wurde diese Gruppe nun aber wirklich in der Bibel prophezeit und von Jesus eingesetzt? Oder handelt es sich bei dem Text in Matthäus 24:45-47 lediglich um ein Gleichnis? Diesen Fragen wird hier auf den Grund gegangen.

Noch einmal zur Erinnerung. Damit die Lehre eines "treuen & verständigen Sklaven", wie bei Zeugen Jehovas gelehrt, passt, muss folgende Kette an Lehre stimmen:

  1. Der "treue und verständige Sklave" aus Matthäus 24:45-47 MUSS eine Prophezeiung sein. Dieser würde dann von Jesus in einer "Zeit des Endes" ernannt.
  2. Man muss bestimmen, wann diese Zeit des Endes beginnt. Laut Zeugen Jehovas im Jahr 1914. Hierfür müssen die Auslegungen von Luk 21 & Daniel 4 stimmen.
  3. Die Auslegung der Zeugen von Offenbarung 11 muss stimmen. Anhand dieser Prophezeiung könne man ausgehend von 1914 bestimmen, dass 1919 der "Sklave" ernannt wurde.

In diesem Artikel geht es also um Schritt 1. Die Analyse des Textes:

Neue Welt Übersetzung:
Mat 24:45-47 Wer ist in Wirklichkeit der treue* und verständige Sklave, dem sein Herr die Verantwortung für seine Hausdiener übertragen hat, damit er ihnen zur richtigen Zeit ihre Nahrung gibt?+ 46 Glücklich ist jener Sklave, wenn sein Herr kommt und sieht, dass er genau das tut!+ 47 Ich versichere euch: Sein Herr wird ihm die Verantwortung für seinen ganzen Besitz übertragen. 

Schlachter Übersetzung:
Mat 24:45-47 Wer ist nun der treue und kluge Knecht, den sein Herr über seine Dienerschaft gesetzt hat, damit er ihnen die Speise gibt zur rechten Zeit?
46 Glückselig ist jener Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, bei solchem Tun finden wird.
47 Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen.

1. Wie kann man biblisch prüfen, was mit dem treuen & verständigen Sklaven gemeint ist?

Als ich der Frage nachgegangen bin, habe ich mich bemüht folgende Punkte zu beachten:

  • In welchem Kontext steht der Vers in Matthäus 24:45-47
    Sind im Kontext Prophezeiungen zu finden? Ist durch den Kontext alleine eindeutig, dass es sich um eine Prophezeiung handelt.
  • Gibt es Paralleltexte, welche ebenfalls diese Aussage Jesu beinhalten?
    Falls ja (und ja, den gibt es in Luks 12:42), in welchem Kontext stehen diese Verse.
    Ist durch den Kontext im Paralleltext klar, ob es sich um eine Prophezeiung handelt oder um ein Gleichnis.
  • Sind die Erklärungen der "leitende Körperschaft" zu den Bestandteilen der Aussagen Jesu konsistent?
    Wenn z.B. eine Person in Jesu Aussagen eine prophetische Gruppe voraussagt, ist dies auch bei den anderen genannten Personen der Fall? Dies wäre eine konsistente Erklärung.
  • Gibt es Aussagen späterer Bibelschreiber, welche die Begriffe des "treuen und verständigen Sklaven nutzen?
    Falls ja, in welchem Kontext gebrauchen Sie diese griechischen Begriffe? Als Prophezeiung, welche sich erst später erfüllen sollte? Oder verwenden Sie die Aussage Jesu als Gleichnis?

Um zu suchen, wie andere Bibelschreiber die Begriffe verwenden gibt es Tools wie:

Dort findest du die Möglichkeit in einer Interlinear-Übersetzung nach den griechischen Wörter des Urtextes zu suchen.

Um eine Antwort auf die Frage zu bekommen ist es also wichtig selber die Bibel zur Hand zu nehmen. Du solltest meinen Beschreibungen im Video also nicht einfach vertrauen, sondern selber prüfen und für dich unter Gebet überlegen, was anhand der Bibel abzuleiten ist. 

Einen guten Rat findet man tatsächlich direkt im Wachtturm der Zeugen Jehovas:

w15 15. 3. S. 18 "Menschen können nicht wissen, welche Bibelberichte für etwas Künftiges stehen und welche nicht. Am besten ist: Wo die Bibel lehrt, dass eine Person, ein Ereignis oder ein Gegenstand ein Bild für etwas anderes ist, akzeptieren wir das. Wo es jedoch keine eindeutige biblische Grundlage gibt, werden wir einer Person oder einem Bericht nicht voreilig eine gegenbildliche Anwendung zuweisen."

Dieser Rat sollte also auch bei der Textpassage vom treuen Sklaven oder Verwalter angewandt werden. Der Bibeltext alleine sollte also bestimmen lassen, ob es sich um eine Prophezeiung handelt.

2. Nachträgliches Bestätigen anhand textfremder Belege?

Wäre es korrekt, eine schwammige Lehre, die nicht biblisch abzuleiten ist dann einfach mit anderen Punkten "aufzuwerten", die nichts mit dem eigentlichen Bibeltext zu tun haben?

In einem Gespräch mit einem Zeugen sagt mir der Bruder, dass er "glauben möchte", dass diese Lehre vom treuen und verständigen Sklaven stimmt. Die Gefahr ist dann natürlich gegeben, dass man biblische Fehlschlüsse und jegliche Kritikpunkte ausblendet. Man vermeidet so weiteres Hinterfragen und Nachdenken und schützt das bekannte Weltbild. Zur Bestätigung, dass die Lehre stimmt, schaut man nicht auf die Bibelpassagen an sich. Statt dessen sucht man sich andere Beweise, dass es diese "treuen und verständigen Sklaven" gibt: 

  • Das Wachstum des Predigtwerks
  • Erstaunliche Bauprojekte
  • Bibelwissen, welches korrekt vermittelt wird
  • "... die Männer meinen es doch gut, das merkt man Ihnen doch an"

Traurig ist jedoch, dass viele Zeugen hier plötzlich nicht mehr die eigentliche biblische Lehre prüfen.
Ich kann das zwar verstehen, halte es aber dennoch für falsch.

Das wäre in etwas so, als ob mir jemand sagt: 

Fremder: Guten Tag ... ich möchte Sie bitten mir jetzt 500€ Sondersteuer zu zahlen!

Ich: Ähm wer sind Sie denn?

Fremder: Ich bin Beauftragter der Bundesregierung.

Ich: Können sie sich denn ausweisen, dass sie hierzu berechtigt sind.

Fremder: (Zeigt mir einen offensichtlich krickelig per Hand geschriebenen Ausweis auf dem oben steht "Mitarbeiter der Steuerbehörde").

Ich: Moment mal, den haben Sie sich doch selber geschrieben. Der ist doch niemals echt.

Fremder: Naja ... aber hier ist ein Zeitungsartikel über mich. Da habe ich vor ein paar Jahren ein Kind gerettet. Und hier eine Katze vom Baum geholt. Und außerdem hab ich eine Firma für Bionahrung und kümmer mich um die Gesundheit vieler Menschen.

Ich: Jaja, das ist nett. Aber Sie sind trotzdem nicht berechtigt, von mir Steuern einzutreiben, nur weil Sie ein guter Mensch sind!
Dadurch wird ihr selbst geschriebener Ausweis auch nicht echter!!

Auch bei den Brüdern der "leitenden Körperschaft" kann es nicht sein, dass irgendwelche anderen gute Werke ein Beleg dafür sind, dass Sie von der Regierung (Jesus) ernannt wurden. Es muss ein Ausweis - eine Ernennung vorhanden sein, die echt ist. Ist dieser biblische Beleg (die Lehre des Sklaven) falsch verstanden und sozusagen "eine Fälschung", dann können andere Werke die Lehre dadurch nicht richtig machen. 

Das soll jedoch nichts über die Motive aussagen. Es kann gut sein, dass man als "Opfer von Opfern" einer falschen Auslegung folgt und an dieser Stelle niemals gründlich neu geprüft hat. Und falls doch, so hat vielleicht jemand Einzelnes diese Prüfung durchgeführt, sich aber nicht gegen die Überzeugung und Tradition des Verständnisses behaupten können. Hier kämen wir wieder zum Stichwort der "kognitiven Dissonanz". Es ist einfach unglaublich schwer Dinge infrage zu stellen, welche das komplette Weltbild zum Wanken bringen.

Auf die psychologischen Themen möchte ich gerne später einmal genauer eingehen. Hier für jeden den es interessiert: https://www.youtube.com/watch?v=SeEVJ7eFP2g